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Die Tuaregs

 

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Der Name "Tuareg" weckt eine Reihe beinahe magischer Vorstellungen: blau verhüllte Gestalten, Rittertum, Geheimnis, Poesie und natürlich Sahara. Jedoch: den Tuareg war eine primitive Lebensweise eigen, trotz ihres Adels, der Feinheit von Sitten, Sprache und Denken.

Außerdem: wenn auch für Europäer und ebenso für Maghrebiner im Norden die Tuareg dieser Zauber umgab, ihre "berberische Kultur" begann seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verfallen. Gegenwärtig befinden sie sich in einer letzten Assimilationsphase.

Die mittlere Sahara, die Henri Barth und Henri Duveyrier zwischen 1849 und 1860 teilweise erforscht hatten, blieb gefährlich bis zur Schlacht von Tit im Jahr 1902, die der Sage von der Unbesiegbarkeit der Tuareg ein Ende machte.

Diese Krieger, die ihre gebirgige Heimat zäh verteidigten, tragen zwar allgemein den arabischen Namen Tuareg, was übersetzt "Die von Gott Verlassenen" bedeutet. Sie selbst nennen sich jedoch Imouhar (Einzahl Amahar). Die aus maghrebinischen Berberstämmen hervorgegangenen Imouhar bewohnten damals die Gebiete zwischen der Nigerschleife und Rhat. Alle Karawanen, die die Sahara durchquerten, waren ihnen tributpflichtig. Aber die Stämme waren untereinander uneins, die Eroberung Afrikas durch europäische Mächte hatte das Schwinden ihrer bereits sehr geschwächten politischen Vormachtstellung in der Sahara nur beschleunigt.

Unter den verschiedenen Gruppen der Imouhar, die im Sudan und in der Sahara leben, gibt es zwei, die ein großes Stück Algerien bewohnen: die Kel Ajjer und die Kel Ahaggar. Geographisch sind die zwei von ihnen besiedelten Gebiete sehr verschieden: Die Kel Ajjer bewohnen eine weite Sandsteinhochebene, in die sich tiefe Täler eingraben (die Tuareg nennen diese ausgewaschenen Abhänge "Tassili"). Das Gebiet der Kel Ahaggar ist ein mächtiges Vulkangebirge mit Gipfeln bis zu 3000 Meter Höhe. An seinem Rand ziehen sich über Hunderte von Kilometern kleine Tassili hin. Der Tassili n'Ajjer umfasst 310.000 qkm und zählt 8000 Bewohner, der Ahaggar 480.000 qkm, die von 16.000 Menschen besiedelt sind. Nur ein Drittel davon sind echte Tuareg. (Zum Vergleich: die Bundesrepublik hat eine Fläche von 357.000 qkm.)

Wie haben diese Stämme gelebt, was ist aus ihnen geworden, wie sieht ihre Zukunft aus? Das sind drei Fragen, die sich aufdrängen.

Von alters her war die Gesellschaft der Imouhar in drei Klassen eingeteilt: Es gab die Adligen, aus deren Mitte nach mutterrechtlicher Abfolge der Anführer oder Amenoukal gewählt wurde, die Vasallen oder Imrad (auch Kel Oulli oder "Ziegenleute" genannt) und schließlich die Sklaven, Schwarze aus dem Sudan.

Die Adligen führten Krieg, das heißt, sie unternahmen, auf Dromedaren reitend, bewaffnete Ausfälle gegen Karawanen oder feindliche Lager. Die Imrad hüteten die Ziegenherden, von denen die Ernährung des Stammes abhing und die Dromedare der Adligen. Alle Arbeiten im Lager verrichteten unter der Aufsicht der Frauen und Greise die Sklaven. Schließlich, alles, was aus Metall (Waffen, Werkzeug, Schmuck), Leder und Holz gefertigt wurde, war Sache der Inaden, der Handwerker.

Dazu gesellten sich noch zwei weitere abhängige Gruppen: die Ineslemen, denen die Adligen die religiösen Dinge überließen, und die Bauern, die Kel Arrem (oder Aghrem).

Im Ajjer, in Rhat und Djanet gibt es seit langem die Ineslemen und die Bauern, beide Schwarze, im Gebiet von Ahaggar vor allem die Bauern erst seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Nomaden sie als Arbeitskräfte herbeiholten: Die Imouhar selber konnten dadurch Nomaden bleiben und hatten Einkünfte durch ihre Herden, durch Beutezüge, durch die von Karawanen erhobenen Wegzölle und durch Agrarprodukte (Korn und Gerste vor allem) aus ihren Gärten.

Nach der Niederlage von 1902 aber wurden ihnen die Raubzüge verboten, blieben ihnen nur noch der Handel mit Hirse sowie die Einkünfte aus ihren Herden und Gärten. Die Festsetzung von Grenzen, die zu einem Raubbau des eingeschränkten Weidelandes führte, die Verarmung der Stämme infolge unerbittlich trockenen Kontinentalklimas, die raschere Entwicklung der Sesshaften, Fortschritte der Technik indes führten zum Zerfall der überkommenen Sozialstrukturen, obwohl den Tuareg bis 1962 eine bevorzugte Stellung zugebilligt wurde. Die Nomaden mussten begreifen, dass eine feste Anstellung die einzige Rettung bedeutet und dass die mageren Einkünfte, welche die Herden verschaffen, nur einen Zuschuss bilden. Sie können nämlich in den Oasen, die sie nicht selbst bebauen, keine Grundzinsen mehr erheben, die Karawanen, die Hirse vom Niger holen, werden immer seltener. So wurden landwirtschaftliche Versuchsstationen eingerichtet.

Die ältere Generation der Tuareg steht der Änderung ihrer Lebensgewohnheiten ziemlich ablehnend gegenüber, obwohl sie von der Notwendigkeit überzeugt ist. So werden die Imouhar, sogar in großer Zahl, in den neuen Anbauzentren sesshaft. Sie sind andererseits auch bereit, das Land, das ihnen gehört, selbst zu bebauen. In den Nomadenlagern bleiben nur die Greise, eine kleine Anzahl Frauen und Kleinkinder. Die letzten Knechte hüten ein paar magere Herden. Jedermann möchte gern regelmäßig essen und in Gemeinschaft leben, um dem Elend und der Dürre der Wüste zu entrinnen - auch wenn er dafür Freiheit einbüßt.

Gleichzeitig mit diesen landwirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen wird ein intensives Erziehungsprogramm verfolgt. Seit 1962 hat sich die Zahl der eingeschulten Kinder vervierfacht. Die Gymnasien und Berufsschulen von El Golea, Ouargla, Laghouat nehmen die besten Schüler auf. Aber von 100 Jungen, die zur Grundschule gehen kommen nur 88 Mädchen. Algerien hat 1984 ein Familiengesetz verabschiedet, dass auf dem Koran beruht und ist somit von der Gleichberechtigung bei der Einschulung weit entfernt.

Ärztliche Hilfe, Verbesserung der Lebensbedingungen haben indessen eine Bevölkerungszunahme hervorgerufen. Zur Lösung dieses Problems reicht das fruchtbare Land nicht aus. Und trotz der systematischen Bodenforschung, die seit Jahren betrieben wird, ist im Land der Tuareg auch kein bedeutender Fund gemacht worden, außer Egele und in Amenas am Nordrand des Ajjer.

Ein kleines Wolframvorkommen 200 Kilometer südlich von Tamanrasset hatte einige Hoffnungen geweckt, aber seine Ausbeutung ist der geringen Wirtschaftlichkeit wegen fraglich.

Im Ahaggar führt die Societe Nationale de Recherches et d'Exploitation Miniere bedeutende Bodenforschungen durch. Diese Versuchsbohrungen erlauben die vorübergehende Anstellung von einigen hundert Arbeitern.

Die Armee bietet den ehemaligen Nomaden die Möglichkeit, bei den Kamelreiter-Kompanien Dienst zu tun. Die Gemeinden beschäftigen rund 100 Arbeiter, die die Pisten unterhalten. Verwaltung und Privatgesellschaften benötigen ein paar Dutzend Angestellte, aber die Imouhar-Nomaden, da sie nicht ständig in Tamanrasset leben, haben Mühe, Arbeit zu finden, obwohl es eine Stellenvermittlung gibt.

Die algerische Regierung wünscht jedoch dringend, dass diese Nomaden sesshaft werden und ihren Platz im neuen Wirtschaftssystem einnehmen.

Diese umherziehenden Berber, die Tuareg, die in ihrem riesigen Land eine Minderheit geworden sind, haben trotz der vielen Wandlungen ein paar Eigenschaften zu bewahren verstanden.

Sie werden manche ihrer Traditionen aufrechterhalten können, wenn sie sich mit Hilfe des Staates der Viehzucht zuwenden, wenn sie als Führer von Reisegesellschaften arbeiten, wenn sie als Gendarmen, Zöllner oder Kamelreiter ihre Heimat überwachen und sie den Besuchern zeigen, die die wilde Schönheit, ihre Stille und Unermesslichkeit bewundern.


 

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