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Beni Isguen im M'zab-Tal

 

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Umgeben von Wüste, umgeben von den Toten, umgeben von einer mächtigen Stadtmauer. Das ist Beni Isguen, die heilige Stadt in der nördlichen algerischen Zentral-Sahara im M'zab-Tal. Vorsicht sei geboten, so hatte ich gelesen. Nicht fotografieren. Eine Stadtbesichtigung ist nur mit einem Führer möglich. Kein Fremder oder Andersgläubiger darf in der Stadt die Nacht bei den hier besonders strenggläubigen Mozabiten verbringen. Zusammen mit den Oasen Mélika, Bou Noura, El Atteuf, Ghardaia, Guerrara und Berriane im M'zab-Tal gehört Beni Isguen wegen seines exemplarischen Städtebaus seit 1982 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Ich stand auf dem kleinen Platz gleich hinter dem Stadttor. Ein paar Männer, klein und zierlich, in hellweißer Gandourah, ließen mich unbeachtet. Ich fragte nach einem Führer, es gab gerade keinen. Ich fragte weiter, ein Mann kam auf mich zu, holte einen zweiten, der schickte mich zu einem dritten. Es war ein junger Lehrer, der mir die heilige Stadt zeigte und vom Leben in ihr erzählte.

Wir gingen durch enge, verwirrende Gassen. Sie waren sehr sauber. Die Häuser sind konzentrisch um die Moschee gebaut und bestehen jeweils aus einem Raum einheitlicher Größe. Es gibt kein Cafe, kein Restaurant, man kann nirgendwo übernachten. Ein Mozabite raucht nicht, verabscheut es, eine Weinflasche auch nur anzuschauen. Keine Frau ist auf der Straße zu sehen, es ist sehr still in der Stadt, still wie in der Oasenmoschee aus dem 12. Jahrhundert. Das Dorf (Ksar) ist mit einer Festungsmauer umgeben und wird von der Moschee beherrscht, deren Minarett als Wachturm dient.

Die Kinder gehen nicht nur in die öffentliche Schule, die vor der Stadt liegt. Früh am Morgen müssen sie erst einmal in die Medersa, die Koranschule. Die rechte Lehre ist ihr Leben, ist das Leben aller in Beni Isguen. Diese Lebensweise wurde bis heute kontinuierlich fortgeführt.

Wir waren im Gespräch immer weiter die engen Gassen hinaufgestiegen, hinauf bis zu dem Turm, der nach der Legende in einer Nacht erbaut wurde. Ganz in der Stille erbaut. Im Dunkeln. Zur Verteidigung gegen die Feinde - die Glaubensfeinde.

Von oben schauten wir auf die Häuser, die Baukästen, in denen es kein Leben zu geben schien. Für die Mozabiten hat das Leben in der Welt unauffällig zu sein. Es ist ein Leben in einer eigenen Welt. Das ist für jeden von „draußen” eine Herausforderung. Die Isolation und Besonderheit weckten in früheren Zeiten die Feindschaft. Heute wecken sie nur noch Aversion oder touristisches Interesse.

Das ist auch ein Problem. Ein anderes Problem schafft die Existenz der Mozabiten selber. Wer sich abschließt, um rein zu bleiben, um ein rechtes Leben zu führen nach dem verschärften Gesetz des Propheten, wer um sein Leben eine Mauer zieht, kann innerhalb der Mauer nicht Platz für alle haben. Viele müssen hinaus, müssen in die Welt. Sie gehen, richten Geschäfte ein, meist Gewürzwarenläden, Feinkostgeschäfte, saubere Geschäfte, ehrliche Geschäfte. Sie sind aber alle entschlossen, einmal zurückzukehren in die Pentapolis, in ihre Gemeinde. Manchmal nur, um dort zu sterben.

Von dem in einer Nacht gebauten Turm war es ein prächtiger Ausblick auf das weite Tal, das Trockental des Oued M'zab. Drüben lag Ghardaia, lagen die anderen Mozabitenoasen, El Ateuf, Melika und Bou Noura. Rings um Beni Isguen aber liegen Friedhöfe. Die Mozabiten begraben ihre Toten nicht, sie bauen nur Gräber aus losen Steinen, die schnell wieder zerfallen. Hab und Gut des Toten liegt, in Scherben geschlagen, daneben. Der Körper des Toten bleibt nicht in der Welt. Also soll es auch nicht sein Besitz. Nur einige Gräber der Weisen sind aufwendiger gestaltet.

Zwischen den Friedhöfen liegen mehrere Plätze. Festgestampfte Erde, weiß gekalkt. Es sind die Plätze für den Habous. Dort versammeln sich die Mozabiten (natürlich nur die Männer), bringen die Reichen den Armen Speise, bereiten sie sich die einzige Abwechslung in ihrem rigoros auf den Glauben und die religiösen Dinge ausgerichteten Leben.

Auf dem Rückweg in die Stadt führte mich mein Begleiter in die Bibliothek. Die Schriften des 1914 verstorbenen Gelehrten Tfyeche werden dort aufbewahrt. Ein Nachfahre verwaltet diesen einzigen Versammlungsort außer der Moschee.

Ich musste mich in ein Gästebuch eintragen. Darin standen, nicht sehr zahlreich, aber ausschließlich, Verwunderungen über die heilige Stadt. Ich schrieb meine Verwunderung hinzu. Ich war ein Freund geworden, weil ich die Andersartigkeit respektierte. Ich könnte immer wiederkommen. Nicht Vorsicht ist geboten, sondern viel Respekt.


 

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